Sebastian Nübling

Werk

Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch
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Theaterstück, 2019

Auf Haiti tobt die Revolution. Nach über hundert Jahren der Sklaverei kämpft die geknechtete Bevölkerung für ihre Freiheit. Eines Nachts klopft plötzlich der junge Gustav, ein Adeliger aus der Schweiz, an der Haustür von Toni, der Ziehtochter eines der Anführer der Revolution, und bittet um Schutz auf der Flucht vor den Truppen der Revolutionäre ... Toni muss sich entscheiden – keine Zeit für Revolutionsromantik.
In seiner kurz nach der französischen Revolution erschienenen Novelle Die Verlobung in St. Domingo (1811), einer dramatischen Lovestory im Setting der Revolution, macht Heinrich von Kleist klare Fronten auf: Weiss gegen Schwarz, Gut gegen Böse, Ordnung gegen Anarchie. Doch wie geht die Geschichte, wenn nicht eindeutig ist, wer Freund und wer Feind der Werte der Aufklärung ist? In seinem neuen Stück hinterfragt Necati Öziri vermeintlich eindeutige Positionen und fügt der Geschichte eine neue Ebene der Opposition hinzu, die eine heutige Diskussion über Gewalt und Gegengewalt anregt

Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich
Aufführungsrechte: Theaterverlag Felix Bloch Erben GmbH, Berlin

Herzstück
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Theaterstück, 2019

In der Folge von Hamletmaschine schreibt Heiner Müller Anfang der Achtzigerjahre einen Dialog, der nur 14 Zeilen lang ist. Das Stück beginnt mit: »EINS: Darf ich Ihnen mein Herz zu Füßen legen. / ZWEI: Wenn Sie mir meinen Fußboden nicht schmutzig machen. / EINS: Mein Herz ist rein. / ZWEI: Das werden wir ja sehn.« Es folgt eine Operation am offenen Herzen, an deren Ende eine Überraschung steht: »Arbeiten und nicht verzweifeln. So, das hätten wir. Aber das ist ja ein Ziegelstein. Ihr Herz ist ein Ziegelstein.« Vielleicht ist das Stückchen Text nicht mehr als ein Gag. Vielleicht ist es nur die Etüde eines müden Dramatikers aus Vorwendezeiten. Vielleicht ist es aber auch der nächste Schritt des großen Datenkomprimierers Heiner Müller. Ein Stück über Liebe und Zeit, über Arbeit und Verzweiflung.
Sebastian Nübling und das Ensemble aus schwer arbeitenden Harlekinen setzen mit Herzstück die Arbeit fort, die sie mit Hamletmaschine begonnen haben. In seiner Kürze ist Herzstück eine Provokation, die auf den Kern der Frage nach Arbeit zielt. In Zeiten von Arbeitszeitflexibilisierung und bullshitjobs, von Neoprekarisierung und Start-up-Proletariat, von als Freiheit getarnter Ausbeutung und vielbesungener Alternativlosigkeit markieren Clowns die Lücke im Ablauf, den Fehler im reibungslosen Leistungsdrucksystem, der das Nachdenken ermöglicht: Für wen arbeiten wir eigentlich wieviel woran?
Hereinspaziert! Wir zeigen heute: Ein Herzstückchen über Arbeit an der Farce, über Nicht-Arbeit als Rebellion, über Theater als Unterbrechung und Heiner Müller als Direktor eines Zirkus’ aufmüpfiger Clowns im kapitalistischen Herbst.

Hinweis: Bei dieser Inszenierung ist leider kein Nacheinlass möglich für Zuschauer*innen, die verspätet kommen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Hamletmaschine
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Theaterstück, 2018

Dein für immer, meist geliebte Frau, solang diese Maschine zu ihm gehört. Hamlet.
Shakespeare, Hamlet

Mit diesen Worten endet Hamlets berühmter Brief an Ophelia, in dem er versucht, dem einzig geliebten Menschen seinen Ausstieg aus dem System der Norm anzukündigen. Das Wort »machine« taucht bei Shakespeare nur ein einziges Mal auf. Es bezeichnet den Körper, der in der barocken frühaufklärerischen Zeit oft als Maschine, als aus vielen Teilen zusammengesetztes Wunderwerk, bezeichnet wurde. Shakespeares Stück selbst ist eine solche Theaterzaubermaschine. Eine Reflexion über Tod und Religion, über Norm und Wahnsinn, über Macht und Ohnmacht. Und neben all dem auch ein großer Text über das Theater selbst.

1977 schrieb Heiner Müller mit Die Hamletmaschine eine Adaption, die die Maschine im Titel führt. Das Exil Ensemble ist seit der Spielzeit 2016/17 Teil des Gorki. Die sieben Schauspieler*innen spüren mit Sebastian Nübling diesem und anderen Texten nach und forschen in dem ergebnisoffen angelegten Projekt nach der eigenen Position. Sie folgen mit Hamletmaschine dem Dramatiker, der die Position des Intellektuellen in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, radikal in Frage stellt, sezieren Müller folgend Shakespeare und setzen die verbleibenden Fragmente wieder zusammen.

Ausser sich
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Theaterstück, 2018

»Es gibt einen Schiffbruch, Zwillinge werden getrennt, die Schwester legt die Kleidung des verschollenen Bruders an und geht als dieser Bruder in ein unbekanntes Königreich, um diesen Bruder zu suchen. Sie findet ihn in sich. Das ist so ziemlich das, was in Außer sich passiert.«
Sasha Marianna Salzmann

Alis Zwillingsbruder Anton ist verschwunden. Nach Jahren kommt eine Postkarte ohne Absender ins Haus, beschriftet nur mit dem Wort »Istanbul«. Ali stürzt in die Wirrnisse dieser Stadt: Die Straßen biegen sich, Farben und Konturen verschwimmen. Ali fängt an zu vergessen, warum sie gekommen war und was sie sucht. In einem Club lernt sie Katho kennen, der sie durch die Nachtszene Istanbuls führt. Sie begegnet Aglaja, die zur Symbolfigur der Gezipark-Proteste wird. Und irgendwo in Spiegeln von Bars und um die Ecke biegend, erahnt sie Anton und rennt ihm nach.

In Sasha Marianna Salzmanns gefeiertem Debütroman AUSSER SICH versucht Ali Geschlecht, Sprache, Länder hinter sich zu lassen, bis sie versteht: es geht nicht weiter, wenn sie nicht weiß, was vorher war. Sie entschließt sich, wieder zurückzugehen und das zu tun, wovor sie immerzu weggelaufen ist: Ihre Familie zu befragen. Warum sind wir so oft gegangen? Was ist dieses Rennen in uns? 100 Jahre jüdische Familiengeschichte entspinnen sich über Odessa, Czernowitz, Grosny, Wolgograd, Moskau, Deutschland, Deutschland, Deutschland und dann Istanbul am Hafen, wo Katho von Odessa erzählt.

Hausregisseur Sebastian Nübling betritt mit dem Ensemble diese opulente Landschaft von Figuren und Geschichten. Eine Odyssee der Wandlungen und Umbrüche. Was bedeutet es heute, »Ich« sagen zu können? Mögliche Bruchstücke von Identität suchen immer wieder neue Anordnungen.

Zucken
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Theaterinszenierung, 2017

Da ist eine junge Frau, die im Chat die große Liebe findet, sich ihr anvertraut und bereit ist nach Syrien auszureisen. Als ihr Plan scheitert, packt sie ihren Rucksack voll mit Messern und geht zum nächsten Bahnhof. Oder der junge Mann, von dem verlangt wird sich zu bekennen: Bist du Russe oder bist du Ukrainer? Er flieht zu seinem Freund, vor dem ihn die Eltern gewarnt haben.
»Du erwartest etwas, du erwartest etwas von der Welt und diese Erwartung ist ein Nerv, der zuckt.«
Sasha Marianna Salzmanns neuer Theatertext Zucken erzählt von jungen Menschen, die eine zunehmende Distanz zwischen sich und den gewöhnlichen Verunsicherungen des Alltags empfinden: politische Zweifel, sexuelle Überraschungen und die Unmöglichkeit, den großen, ehrlichen Fragen mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Warum begeben sich Menschen, deren Leben gerade erst so richtig beginnt, auf die Suche nach radikalen Alternativen zu dem, was der gesellschaftliche Konsens für sie vorsieht?

Eine Produktion des jungen theater basel und des Maxim Gorki Theater Berlin. Die Arbeit von Sasha Marianna Salzmann wurde gefördert durch die Heinz und Heide Dürr Stiftung. Die Aufführungen in Berlin werden durch prohelvetia unterstützt.

GET DEUTSCH OR DIE TRYIN'
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Theaterinszenierung, 2017

Es gibt Momente, in denen kommt alles zusammen. Zum Beispiel Ardas 18. Geburtstag. Ohne Plan, aber mit seinen Jungs Bojan, Danny und Savaş. Auf einer Parkbank ohne Park am Bahnhof: rechts die Glatzen, links die Bullen und in der Mitte die Musik. Es gibt Momente, in denen jemand deine Sprache versteht, ohne dass du viel erzählen musst. Momente, an denen jener Punkt auf deiner zerknitterten biografischen Landkarte auftaucht, an dem du den letzen Sommer deiner Kindheit verbringst, kurz bevor deine Freunde verschwinden und du plötzlich merkst: Du bist allein in einem Land, das dich einen Fremden nennt. Also steh auf! Renn so schnell du kannst und noch schneller! Denn wenn keiner wissen will, wer du bist, musst du es selbst herausfinden. Arda Yılmaz sucht atemlos nach den Bruchstücken einer Sprache, die an eine Kindheit in Almanya erinnert. Vor allem aber sucht Arda einen unbekannten Vater, mit dessen gescheiterter Revolution er irgendwie verwandt ist, ohne sie je geträumt zu haben. Es entsteht eine deutsch-türkische Familiengeschichte in den Wirren der »Gastarbeit« und des türkischen Putsches. Wo ist das Land der Desintegrierten? Wer singt die Lieder alleinkämpfender Mütter? Wie klingt der Chor derer, die ewig fliehen und niemals ankommen? Es gibt Momente, in denen all diese Fragen aufblitzen, bevor sie verschwinden wie im fade-out des letzten Tracks auf der Platte deines Lebens.

Necati Öziri, Jahrgang 1988 ist Autor, Dramaturg und künstlerischer Leiter des Studio Я. Sein Debut-Stück Vorhaut (gemeinsam mit Tunçay Kulaoğlu und Miraz Bezar) wurde 2014 im Ballhaus Naunynstraße uraufgeführt. Sein neues Stück GET DEUTSCH OR DIE TRYIN' ist ein Musikalbum mit A- und B-Seite, das von Müttern, die auf Columbo und Wodka stehen, erzählt, von abwesenden Vätern, von abgeschobenen Freunden und von Geburtstagen auf den Fluren des Ausländeramts, von Hip-Hop, Soul, Gewalt und vom Leben in einer Sprache, die nicht dir gehört.

Der Text entstand 2016 im Rahmen der Literaturwerkstatt Flucht, die mich bedingt des Neuen Instituts für dramatisches Schreiben (NIDS) in Zusammenarbeit mit Gorki und Studio Я.

Sebastian Nübling wurde 1960 in Lörrach geboren und lebt in Hausen. Er wurde zum Theatertreffen und zur Biennale Venedig eingeladen. Seit 2014 ist Sebastian Nübling Hausregisseur am Gorki. Für den 2. Berliner Herbstsalon inszenierte er die zentrale Inszenierung In unserem Namen.